Vortrag von Nina Klinkel zum Thema Euthanasie am 8.5.2012

In der Erinnerungskultur Deutschlands hat der 8. Mai 1945 seinen festen Platz. Der Tag der Kapitulation des Deutschen Reiches beendete in Europa den Zweiten Weltkrieg und das Regime der Nationalsozialisten. Der Geschichtsverein Historia Mommenheim e.V. gedachte mit einer Vortragsveranstaltung diesem besonderen Tag und widmete die Vereinssitzung den Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Aktionen, der auch Mommenheimer zum Opfer fielen und die schließlich auch den Auftakt zum Genozid an der jüdischen Bevölkerung einläutete.  „Hitler hat Krieg nach außen, aber auch nach innen geführt“, betonte die zweite Vorsitzende des Vereins, die Historikerin Nina Klinkel, und leitete ihren Vortrag mit erschreckenden Zahlen ein. „Über 13 Millionen Menschen sind jenseits der Frontlinien Opfer deutscher Massenverbrechen geworden. Darunter auch geschätzte 300 000 psychisch Kranke und geistig und körperlich behinderte Menschen in den Heil- und Pflegeanstalten des Reiches“. Der Vortrag führte die Zuhörer zurück in die Jahre 1939 bis 1945 und schilderte die ideologischen Grundlagen des „Euthanasie“-Programms der Nationalsozialisten, ebenso wie die tatsächliche Umsetzung in Rheinhessen.  „Dreh- und Angelpunkt war in Rheinhessen die Landes- Heil- und Pflegeanstalt in Alzey“, erläuterte Klinkel. „Dann kimmste nooch Alse“ sei Programm gewesen. Von dort aus führte der Weg der Opfer in die übrigen staatlichen Anstalten in Heppenheim, Goddelau und Gießen, in sogenannte „Zwischenanstalten“ im benachbarten Hessen-Nassau und schließlich in die Gaskammer nach Hadamar. „Man realisiert plötzlich, dass das Verbrechen vor der eigenen Tür nicht haltmachte“, fasste eine Besucherin ihre Eindrücke zusammen. „Und es erschreckt, wie perfide alles organisiert und auf Mord ausgerichtet war“. Geschätzte 800 Rheinhessen fanden den Tod in den verschiedenen Vernichtungsphasen der „Euthanasie“. Wo sie zu Hause waren, welchen Berufen sie vor ihrer Anstaltseinweisung nachgingen, wie alt sie waren, als sie „nach Alzey“ kamen zeichnete die Historikerin in ihrem Vortrag ebenso nach. Ihr gehe es darum, den Opfern wieder die Individualität zu geben, die ihnen die Nazis genommen hatten. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch die Vorstellung des neuen Buches des Heimatforschers Walter Schwamb, der sich über Jahre hinweg mit den jüdischen Bewohner der Selztalgemeinden Hahnheim, Selzen, Friesenheim, Undenheim, Dahlheim, Mommenheim und ihrer Nachbardörfer Schornsheim und Udenheim befasst hat, und seine Ergebnisse nun in Buchform präsentiert – „gegen das Vergessen“, wie Schwamb betonte.